Der Trend von morgen
Altgesonnene erinnern sich vielleicht noch an die guten alten Zeiten, in denen das Altern noch erlaubt war und nicht jedes Jahr neue Modekollektionen den Markt beherrschten, die den weiblichen Artgenossen geradezu eine Diät aufzwangen. Seit der Jahrtausendwende scheint die Sucht nach Perfektion und Vollkommenheit allgegenwärtig wie nie. Unnatürlich dünne und makellose Frauen laufen auf dem Catwalk Mailands um die Mode von morgen vorzustellen und scheinen damit gleichzeitig die Norm von Aussehen zu bestimmen. Ein möglichst hageres Aussehen, ohne weibliche Rundungen, mit langen Beinen und markantem Gesicht bestimmt hierbei das fragwürdige Schönheitsideal. Schaltet man den Fernseher an oder spaziert einmal an den großen Werbeplakaten der Stadt vorbei, so sieht man sie, die berühmten und selbstverständlich perfekten Gesichter über dem Schriftzug von weltberühmten italienischen Namen abgebildet. Ein Produkt von einzigartiger Computerbearbeitung, aber es wirkt.
Selbst verschriebene Abmagerungskuren und daraus resultierende Essstörungen im Jugendalter sind so hoch wie nie zuvor. Der Versuch mit der Mode und Norm mitzuhalten, fordert nicht nur finanzielle Opfer: Models, wie auch Normalsterbliche sterben an Magersucht – in dieser Beziehung scheint für alle dasselbe zu gelten. Der prozentuale Anteil derer, die an einer Essstörung tatsächlich sterben oder schwere Schäden erleiden, die das Leben deutlich verkürzen und/oder erschweren können, ist sehr hoch und steigt immer mehr an, obwohl die Medizin voranschreitet-hier gibt es Grenzen, denn ist ein Körper zu ausgemergelt, hilft keine Form von Medizin.
Es gibt aber auch Lösungen! Pflegeprodukte gegen Alterserscheinungen, Kosmetik für ein makelloses Aussehen, Nahrungsmittel zum Abnehmen ohne wirklich auf Mahlzeiten verzichten zu müssen und schließlich die plastische Chirurgie, die sich um die größeren oder kleineren Probleme kümmert – je nachdem. Und so füllt sich sogar das Konto des durchschnittlichen Chirurgen, während der nacheifernde und nach Perfektion strebende Bürger unter dem Messer liegt, sich Goldfasern in das Gesicht vernähen oder Nervengift in jegliche Gesichtsbereiche spritzen lässt, ganz nach dem Motto: Wer schön sein will, muss leiden!
Die Frage ist, wann mehr gelitten wird: Unter dem eigentlichen Aussehen oder unter dem, das einem verpasst wird, wenn die Schönheitskuren und chirurgischen Eingriffe durchgeführt wurden, die ein makelloses Aussehen versprechen, durch das man sich, unerwarteterweise, jedoch nicht wiedererkennt.
Immerhin scheint Trend und Mode selbst in Zeiten der Finanzkrise allgemein anerkannt, sodass die Designer und Kosmetikhersteller immer noch vor Freude strahlen können, wenn sie ihren Kontoauszug sehen. Es bleibt zweifellos, dass die Gesellschaft an seinen eigenen Werten und Normen erstickt, in Klischees untergeht, die sie sich selbst erschaffen hat. Und so glauben die Untenstehenden im hierarchischen System der heutigen Gesellschaft noch, sie würde aus Eigeninitiative handeln und kaufen, während die Obenstehenden weiter manipulieren und den "Mainstream" bestimmen. Denn Konformität wird heute schon in der Schule gelehrt – wer aus der Reihe tanzt, wird bestraft. Diese Erstickung der Individualität mag wichtig für Gehorsam sein, ist jedoch zugleich Auslöser für Nebenwirkungen wie Mobbing oder eben Nacheiferung der Mehrheit, die sich wiederum beeinflussen lässt von den angesehenen Idealen aus Werbung und Co. Man könnte auch sagen: Es ist nicht mehr Mode, anders zu sein. Der Trend von morgen liegt unbeeinflussbar in den Händen der Großen und Mächtigen.
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